Von Kommunismus und Kapitalismus – größter Börsengang der Welt

Manchmal würde ich wirklich gerne wissen, ob sich die regierende Kommunistische Partei Chinas eigentlich selbst glaubt. Besonders wenn sich China, wie es offiziell heißt, auf dem Weg zum Sozialismus chinesischer Prägung befindet. Vor einem halben Jahrhundert war dies wohl wirklich ein Ziel. In Zeiten wie heute aber, wo die Agricultural Bank of China den größten Börsengang der Welt startet, bin ich mir da nicht mehr so sicher…

Börsengeschäfte gibt es in China schon seit einigen Jahren wieder. Obwohl die Wirtschaft zwar in erheblich stärkerem Maße reguliert ist als in Europa, kann man das derzeit vorherrschende System getrost als Kapitalismus bezeichnen. Nach Ansicht vieler in Deutschland lebender Chinesen gleicht die soziale Marktwirtschaft Deutschlands dabei sehr viel eher dem Sozialismus als die chinesische Realität.

Nachdem die „Industrial and Construction Bank of China“ (ICBC) im Jahr 2006 bei ihrem Börsengang weltweit den bislang größten Erlös der Geschichte erzielt hat, ca. 22 Milliarden US-Dollar, sollen es bei der Agricultural Bank of China noch locker eine Milliarde mehr werden. Es heißt, Staatsfonds und internationale Großbanken hätten bereits Interesse an Anteilen bekundet.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin zwar kein Freund von Börsenspekulationen, aber ich finde auch nichts generell Verwerfliches am Börsengang einer Bank. In Anbetracht der Tatsache, dass in China einst alles dem Volk gehören sollte, ist ein solcher Vorgang aber schon irgendwie seltsam. Das Argument, das Volk könne ja Aktien kaufen, lasse ich nicht gelten.

Ich persönlich würde es für eine gute Lösung Chinas halten, den Markt weiter zu deregulieren, gleichzeitig aber ein umfassendes soziales Netz zu erhalten bzw. deutlich weiter aufzubauen. Dann wäre das Land zwar immer noch nicht auf dem Weg zum Sozialismus, aber doch immerhin zu einer sozialen Marktwirtschaft.

Ach übrigens: Die lange Zeit in China übliche Anrede war „Tongzhi“ – Genosse. Außerhalb eines kommunistischen Parteitages dürfte das heute bestenfalls noch im Scherz oder in historisierenden Fernsehserien Verwendung finden. Auch hier ist China bei „Damen und Herren“ angekommen, was auch viel besser zum Kapitalismus passt.

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