Standardfloskeln und Aufrichtigkeit

Chinas offizielle Verlautbarungen zu politischen Themen sind in aller Regel leicht vorhersehbar. Die Pressesprecher, Regierungsbeamten und Politiker benutzen in China allzu gerne Standardfloskeln, Plattitüden und schön klingende Formulierungen ohne Inhalt. Wer sich ein bisschen damit beschäftigt, könnte schnell selbst eine solche Rede schreiben und sie vom Premierminister verlesen lassen, ohne dass sich dieser wunderte. Manchmal aber wird man auch von durchaus interessanter Aufrichtigkeit überrascht.

Zum Beispiel wenn die chinesische Botschaft offiziell verkündet, dass man Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht überholt habe. Da schreibt man zuerst:

China sei sich seiner Verantwortung als Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft bewusst und werde am Weg der friedlichen Entwicklung festhalten. Chinas Ziel sei es (…), einen Beitrag zur Wahrung des Weltfriedens sowie zur gemeinsamen Entwicklung zu leisten.“

So weit, so platt. Aber dann kommt ein Satz, der regelrecht selbstkritisch wird. Chinas Wirtschaft habe sich „in den letzten Jahren relativ unausgewogen, unkoordiniert und nicht nachhaltig genug entwickelt.“ Mit anderen Worten: Einige Menschen und Regionen sind wahnsinnig schnell wohlhabend geworden. Andere sind arm geblieben. Und viele der Entwicklungen schaden der Umwelt und sind langfristig nicht wünschenswert.

Aber natürlich darf man jetzt nicht annehmen, dass die Regierung alle Schuld bei sich sieht. Denn nun kommt wieder eine Standarderklärung, die bei mir aber immer wieder Stirnrunzeln auslöst. Die Probleme gebe es, weil „sich China nach wie vor in der Anfangsphase des Sozialismus befinde“. Aha. Und ich dachte, China sei im fortgeschrittenen Stadium des Kapitalismus. Aber die Logik Chinas bezieht sich auf Marx: Erst muss es Kapitalismus geben, dann kann sich der Sozialismus entwickeln. Mao Zedong hatte das noch übersehen. Er wollte direkt vom Feudalismus in den Kommunismus. Das hat augenscheinlich nicht geklappt. Jetzt kommt Versuch Nummer zwei.

Und bevor ich weiter vom Thema abschweife gehe ich lieber ins Wochenende.

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