Mehr Wohlstand, weniger Glück

Es klingt paradox: Die Chinesen sind in den vergangenen 15 Jahren immer unglücklicher geworden. Ausgerechnet in dem Zeitraum, in dem die chinesische Wirtschaft einen beispiellosen Aufschwung erlebt hat. Fast allen Menschen geht es heute materiell viel besser als in den 80er Jahren, sie wohnen besser und haben mehr frei verfügbares Einkommen. Und trotzdem beweisen Studien, was viele Chinesen schon lange gefühlt haben: Es gibt immer weniger glückliche Menschen im Reich der Mitte.Verschiedene Studien, an der niederländische, US-amerikanische und chinesische Wissenschaftler beteiligt waren, haben seit 1990 einen Index erstellt, wie groß das Glücksgefühl der Chinesen in den jeweiligen Jahren war. Bis 1995 stieg dieser Wert. Seither ist er aber kontinuierlich gefallen. Es scheint, als ob der wirtschaftliche Aufschwung und das materiell besser werdende Leben nur kurzfristig Glücklich gemacht haben. Dass diese positive Entwicklung zerstört wurde liegt vor allen an folgenden gesellschaftlichen Tendenzen:

Es herrscht in China ein sehr hoher Konkurrenzdruck. Er ist sicherlich noch höher als in Deutschland, aber gerade deswegen besonders schlimm, weil er sich erst in den letzten Jahren so verstärkt hat. Ganz wichtig sind aber auch ein Mangel an Idealen und fehlender Altruismus – also der Wille und die Bereitschaft anderen selbstlos zu helfen. Anders als früher gibt es in China einen stark ausgeprägten Egoismus, der dazu führt, anderen nur dann zu helfen, wenn es einem selbst Nutzen bringt. Gepaart mit dem Mangel an Idealen (z.B. dem Ziel eine bessere Gesellschaftsform zu verwirklichen) führt dies zu mangelnden Glücksgefühlen. Ein weiterer entscheidender Punkt ist ein Mangel an Zufriedenheit. Es reicht heute nicht mehr, eine eigene kleine, passabel ausgestattete Wohnung zu haben. Wenn andere etwas besseres haben, muss für viele Chinesen ebenfalls eine größere Wohnung her. Ein teureres Auto, wertvollerer Schmuck etc. Mangel an Zufriedenheit führt jedoch rasch dazu, sich nicht glücklich zu fühlen.

Obwohl es noch weitere Faktoren gibt, seien hier nur noch zwei erwähnt: Misstrauen und Sorgen. Das Misstrauen der Menschen führt mittlerweile manchmal so weit, dass auf der Straße liegenden Verletzten nicht mehr geholfen wird. Es ist nämlich schon vorgekommen, dass das Opfer einfach den Helfer der Tat bezichtigt hat, um irgendeine Abfindung für das Erlittene zu kassieren. Nachdem in China die staatlichen sozialen Sicherungssysteme nur noch rudimentär vorhanden sind, sind letztlich auch die Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz und den eigenen Wohlstand gestiegen. Die Sorge darum, dass das (meist einzige) Kind in dem äußerst harten Kampf um eine gute Bildung Erfolg hat, oder die Altersversorgung nicht mehr gesichert sein könnte.

Das Meiste sind Probleme, die uns Europäern bekannt vorkommen. Das Tempo der Veränderungen in China ist jedoch ungleich höher. Die dadurch entstehende Unsicherheit größer. Den meisten Chinesen ist dies sehr wohl bewusst und sie wünschen sich eine Gesellschaft mit mehr Idealen und mehr Altruismus. Noch jedoch ist es offensichtlich zu früh, als dass daraus ein neues gesamtgesellschaftliches Bewusstsein entstehen könnte, dass zu einer positiven Veränderung führt.

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