Lockern Sie Ihr Qi (Lebensenergie)

Es ist ganz einfach: immer, wenn Sie die Enge des Alltages spüren, kaufen Sie sich ein Ticket nach China, denn dort erlebt man eine Menge an wunderlichen Dingen. Dingen, die Sie zum Staunen, Lachen, Grübeln, Entsetzen  und Weinen bringen können. Sie sehen, riechen, fühlen und schmecken Ungewohntes, Sie spüren, wie lebendig dieses Land ist und in welch gewaltigem Prozess der Neuerschaffung es sich befindet.Unglaublich!

Im September 2010 reiste ich für drei Wochen ins Reich der Mitte. Zwar war es bereits meine siebte Reise dorthin, ich empfand aber keineswegs eine Art Routine. Im Gegenteil: Ich war von Beginn an aufgeregt und voller Vorfreude, denn diese Reise sollte anders werden als die bisherigen.

Ich trainiere seit über 15 Jahren Kung Fu und bin Inhaberin einer eigenen Kung Fu Schule. Meine bisherigen Reisen galten überwiegend der Fortbildung, sie waren erfüllt von Trainingshallen, Rasenflächen oder Parkplätzen, in oder auf denen geübt wurde. Ich muß zugeben, dass ich neben einem Pflichtbesuch der großen Mauer und des Shaolin-Klosters – beides in Strom anderer Touristen – vom Land eigentlich noch nichts gesehen hatte.

Dieses Mal waren wir in einer kleiner Reisegruppe von nur acht Personen unterwegs. Zwar standen auch dieses Mal Trainingsstunden auf dem Programm (ganz ohne geht es natürlich nicht), aber nach einigen Tagen in Beijing sollte es mit dem Flieger weitergehen nach Guilin, später nach Yangshuo, beides gelegen in der südchinesischen Provinz Guangxi.

In Beijing trafen wir zunächst einige alte Freunde. Wir unternahmen einen Ausflug an die Große Mauer, dieses Mal nach Jinshanling. Von den verschiedenen Orten, an denen man Reste der Großen Mauer besichtigen kann, ist Jinshanling etwas weiter von Beijing weg gelegen, etwa vier Stunden mit dem Bus. Dorthin zu fahren war eine gute Wahl: Durch die weitere Entfernung und unser frühes Aufbrechen waren wir fast völlig alleine dort. So konnten wir die Atmosphäre ungestört genießen, es ergaben sich auch großartige Fotomotive.

Ein Besuch der Verbotenen Stadt und einiger kleinerer Sehenswürdigkeiten rundeten unseren Beijing-Aufenthalt ab.

Nach einem schmerzhaften Abschied von unseren Freunden dort und dem Kopf voller Bilder des klassischen, aber auch modernen Beijing ging es schließlich weiter nach Südchina.

Südchina bzw. Guilin war in gewisser Hinsicht genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: laut, heiß, die Luft voller Abgase und Scharen von Menschen, die an allen Ecken der Stadt aßen, schliefen, ihren täglichen Pflichten nachgingen oder in einer Apotheke gekühlten Tee tranken, was gegen die innere Hitze helfen soll.

Guilin ist gebettet in grüne Farbe. Im Gegensatz zu Beijing ist es klein, es existieren keine Wolkenkratzer, so daß von vielen Stellen in der Stadt die berühmten, grün bewachsenen Karstberge der Umgebung zu sehen sind.

Die hohe Luftfeuchtigkeit und die tropische Wärme erfreuten meine Haut und meine Knochen.

Unser Hotel (Hotel Universal Guilin) lag mehr oder weniger direkt am Li Fluss, der die Stadt durchströmt. Es war daher nach unserer Ankunft sehr einfach, einen geeinigten Trainingsplatz für unsere Trainingsstunden, die am nächsten Morgen stattfinden sollten, zu finden. Wir mussten nur über eine stark befahrene Straße gehen und standen am Ufer des Li Flusses, an dem eine breit ausgebaute Promenade reichlich Raum bot.

Nach der ersten Nacht in unserem Hotel ging ich also gegen 07.00 Uhr, gut ausgeschlafen und mit einer Kanne heißem Wasser, zum Ufer des Flusses.

Es war noch nicht richtig hell und die Temperatur war noch kühl genug, um Taiji und Kung Fu trainieren zu können. Ich sah die Berge und die aufgehende Sonne und konnte im Hintergrund hören, wie die Stadt aus ihrem Schlaf erwachte und in den neuen Tag einstieg. In dieser Wahrnehmung verweilte ich also, um die „Mähne des Wildpferdes nach links und rechts zu teilen“, d.h. eine Taiji-Bewegung auszuführen. (yang taiji 24er Beijing Form)

In dieser relativen Ruhe hörte ich plötzlich einen Schrei aus Richtung des Flusses. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass offenbar sehr viele Frühsportler im Wasser ihren Schwimmübungen nachgingen. Einige Leute standen im seichteren Wasser und schrien einfach nur, um ihr Qi (Lebensenergie) zu lockern. Die Stimmung wurde zusehends besser.

Einige standen unter einer Brücke und sangen wunderschöne Melodien. Zwar verstand ich ihre Worte nicht, aber mir war klar, dass sie sich wohl um die Liebe und das Leben drehen mussten. Am Ufer standen die ersten Angler und fischten, direkt neben mir übte eine alte Dame Chen-Taiji.

Ich genoss die Stimmung dieses perfekten Augenblicks, verweilte in ihr und war glücklich.

Die folgenden Tage waren voller schneller Bilder: Neben Besichtigungen des Xiangbi Shan („Elefantenrüsselberg“), des Fubo Shan („Fubo Berg“) und der wunderschönen Tropfsteinhöhle Ludiyan („Schilfrohrflötenhöhle“) waren die Reisterrassen von Longsheng für mich ein Höhepunkt unserer Reise.

Die Terrassen befinden sich etwa 100 km von Guilin entfernt. Vom Busparkplatz aus unternahmen wir eine Wanderung zu einem malerisch gelegenen Bergdorf und durch die Terrassen. Wie konnte die Farbe Grün nur so vielseitig sein und warum war mir das bisher nie aufgefallen?

Neben all den schönen Eindrücken von Stadt war unser Zusammentreffen mit unserem Reiseleiter, Herrn Sun aus Guilin, für mich ein weiteres Erlebnis.

Herr Sun hatte in China Deutsch gelernt und sich auf den Tourismus in dieser Region spezialisiert. Zu jedem Haus, zu jeder Bordsteinkante, einfach zu allem konnte er uns Auskunft geben. Er war außerordentlich engagiert und gab sich viel Mühe mit und für uns. Dabei war er immer höflich und verständnisvoll.

Herr Sun sagte, dass er einige deutsche Worte nicht gut aussprechen könne, da es echte Zungenbrecher für ihn seien, z. B. „Schilfrohrflötenhöhle“, die wir zusammen besuchten.

Wir lachten mit ihm und beruhigten ihn, dass es auch für uns ein schweres Wort sei.

Auch auf unserer Bootsfahrt über den Li Fluss von Guilin nach Yangshuo begleitete uns Herr Sun. Die Fahrt war ein Traum: die Landschaft wirkte wie eine endlose Tuschezeichnung.

Die Bootsfahrt dauerte mehrere Stunden, die Bewegungen des Schiffes, die Leichtigkeit und Klarheit des Wassers gaben allen Reisenden eine spezielle Gemütlichkeit und Zufriedenheit. Man spürte, etwas ganz Besonders in diesem Moment zu erleben.

Auf den Schiffen wurde Mittagessen für die Reisenden gekocht. Es gab salzigen Fisch, Shrimps, Gemüse und Schlangenschnaps.

Zwischendurch wurden die Schiffe immer wieder von Händlern auf dünnen, schmalen und wackelig aussehenden Bambusflößen angefahren, die Fisch, Gemüse oder Andenken anboten. Im Fluß waren Wasserbüffel, Kormorane, Enten und andere Vögel zu sehen, an den Ufern dichtgedrängt riesige Bambus-Haine. Der sogenannte Phönixschwanzbambus stand dort sicherlich bis zu 10 oder 12 Meter hoch.

Vor Erreichen der kleinen Stadt Yangshuo ermahnte uns Herr Sun, uns weder von den dort zahlreichen Taschendieben bestehlen zu lassen, noch uns beim Handeln mit den Händlern -besonders an Straßenständen- über’s Ohr hauen zu lassen. Wie überall, aber dort ganz besonders, seien auch in Yangshuo spezielle „Touristenpreise“ üblich.

Yangshuo ist in der Tat ein Touristendorf, man sieht vergleichsweise viele ausländische Touristen. Yangshuo ist wegen seiner Ruhe, Schönheit und unverschmutzten Umgebung aber auch bei chinesischen Touristen sehr beliebt, die mit dem rasanten wirtschaftlichen Wachstum Chinas auch immer zahlreicher werden.

Seit unserer Ankunft bekamen wir unsere Lektionen erteilt, wir hatten viele Lehrer und übten uns in „bloß nicht aus der Haut“ fahren. Dafür mussten Hunde und Katzen ihr Haut (Fälle) auf dem Markt in Yangshuo an ihre Schlachter abtreten. Kein schöner Anblick und schon gar kein schöner Geruch.

In den folgenden Tagen trainierten wir in einem kleinen Park in der Nähe unseres Hotels. Bereits am frühen Morgen sieht man alte Damen und Herren sich in Taiji, in Atmen, Meditation und Qi Gong üben. Einige tanzen auch einfach. Herr Sun erklärte uns, dass die einheimische Jugend diese Runden scherzhaft als „Oma-und-Opa-Disco“ bezeichneten.

Eine Gruppe gut gekleideter Rentner spielte jeden Morgen Cricket, einige spielten Xiangqi, die chinesische Variante des Schachs, einige Kartenspiele, deren Namen ich nicht kannte.

An manchen Tagen hatte ich dass Gefühl, dass der Altersdurchschnitt bei den Damen und Herren um die 80 Jahre oder höher lag. Es war aber auf jeden Fall  eine angenehme Gesellschaft, und das Rentnerleben in Yangshuo wirkte auf mich deutlich einfacher, zumindest aber erheblich geselliger als bei uns.

Auch in Yangshuo unternahmen wir noch einige Ausflüge, z. B. auf Flößen auf dem Li Fluß inkl. Bad im Fluß, und besuchten auch das Open Air Musical „Impression Sanjie Liu“, das der bekannte chinesische Regisseur Zhang Yimou („Hero“, Eröffnungsfeier der olymp. Spiele in Beijing) inszeniert hat.

Zu erwähnen sind noch die Saftläden, in denen man frischgepreßte Fruchtsäfte, z. B. von Mango, Melonen oder Honigmelonen erhalten konnte. Herrlich! Es waren auch Sorten wie Sojabohnen- oder Maissaft im Angebot, die uns aber nicht so ansprachen.

Ich wollte mich immer weniger von China verabschieden, aber die Tage gingen schließlich dahin. An einem unglaublich verregneten Tag, dem ersten und einzigen Schlechtwettertag unserer Reise, nahmen wir dann Abschied von Yangshou. Ein Bus brachte uns zurück zum Flughafen in Guilin, von wo aus wir die Flugreise nach Hause antraten.

Was mir von der Reise am lebendigsten in Erinnerung bleiben wird, sind die grünen Berge, der sehr saubere Li Fluss, die Fischer mit ihren Kormoranen auf ihren Bambusflößen, die Gemütlichkeit der Wasserbüffel und der kleine Park, der wegen seiner entspannten Atmosphäre für mich ein wichtiger Ort geworden war.

Ich habe auf dieser Reise gelernt, mein „Qi“ zu lockern und die Freuden zu genießen, die einem dieser wunderschöne Teil Chinas bieten kann.

Yu Ai Zhen

Ein Gedanke zu „Lockern Sie Ihr Qi (Lebensenergie)

  1. ein sehr sehr schöner Text liebe Ai Zhen 😉
    Jetzt habe ich schon wieder soooooooo eine große Lust nach China zu reisen 🙂
    Bis gleich,

    Dein Romario

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.