Im Wandel der Zeit

1998 flog ich das erste Mal nach China. Die wirtschaftlichen Reformen des Landes nach Deng Xiaoping waren seit knapp zwei Jahrzehnten im Gange und so manches war schon privatwirtschaftlich organisiert. Wenn ich aber schaue, was sich seitdem in nur einem Dutzend Jahren getan hat, muss ich doch immer wieder staunen. Obwohl ich seinerzeit nur ein Student der Sinologie war, kam ich mir 1998 durchaus wohlhabend vor, während ich durch China reiste. Heute sieht die Sache ein wenig anders aus – allerdings nur in den Städten. Auf dem Land hat sich in China weniger getan. Die Menschen dort profitieren weit weniger vom wirtschaftlichen Aufschwung. Viele Menschen leben in echter Armut. Ich würde mir daher wünschen, dass mehr Westeuropäer ein paar Tage durch solche Gegenden fahren würden, denn dann wüssten Sie den weteuropäischen Standard um einiges mehr zu schätzen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass sich auch eine ganze Menge Chinesen nicht mehr daran erinnern wollen, aus welchen Verhältnissen sie oder mindestens ihre Eltern kommen. Praktisch jeder Chinese über 35 kennt Ärmlichkeit und – wenn er vom Lande stammt – vermutlich sogar echten Hunger.

Doch heute reichen gutes Essen und eine schöne Wohnung nicht mehr aus. Wer es sich irgendwie leisten kann kauft ein repräsentatives Auto und vor allem repräsentative Statussysmbole wie teuren Schmuck, Markenkleidung oder die jeweils allerneueste Genartion von Smart-Phones.

1998, mit 22 Jahren, hatte ich kein eigenes Auto. Hätte ich eines gehabt, wäre es mir unangenehm gewesen, einen solch unverschämten Luxus zuzugeben. Heute würde mich ein nicht unerheblicher Teil chinesischer Großstädter wohl nur noch mitleidig belächeln, wenn ich ihnen sagte, dass ich einen alten, gebrauchten Kleinwagen fahre.

Aber auch sonst… 1998 gab es in Peking anderthalb U-Bahnlinien. Die Ringline und „die rote Linie“, von West nach Ost, die aber erst zur Hälfte fertiggestellt war. Insbesondere die Bahnhöfe der Ringlinie hatten echten solzialistischen Charme. Groß, sauber und unzeitgemäß. Heute wimmelt es in Peking nur so von hochmodernen U-Bahnlinien. So modern, dass sich das Netz Hamburgs dahinter einfach nur noch schamhaft verbergen muss.

1998 hatte Pekings Flughafen ein einziges Terminal. Viel zu klein, viel zu alt. Beamtengrün gestrichene Wände, nackte Neonröhren an der Decke… Genau so hatte ich mir kommunistische Einrichtungen immer vorgestellt. Etwas mehr als ein Jahr später wurde das neue, zweite Terminal eröffnet. Ein unglaublicher Spung. Groß, modern und praktisch auf westlichem Niveau. Keine zehn Jahre später platzte auch dieser Bau wieder aus allen Nähten und wurde durch das größte Gebäude der Welt ergänzt. Terminal 3. Natürlich noch einmal viel moderner und auch architektonisch ein Leckerbissen. Pekings Airport ist heute schon der drittgrößte der Welt, gemessen an der Passagierzahl. 1998 war er ein Nichts.

Ich könnte ein Dutzend weiterer Beispiele anführen. Wenn Sie also noch ein bisschen altes China finden wollen, sollten Sie jetzt fahren. Und zwar in die Provinz. Raus auf’s Land.

Was ich allerdings nicht sage, ist dass sich alles zum Guten oder zum Schlechten ändert. Viele Entwicklungen sind eindeutig positiv und vor allem für die einzelnen Menschen sehr angenehm. Anderes wiederum ist schade oder sogar schlecht – für das Individuum oder gar für die Gesamtheit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.