Das Chinesische soll frei von Englisch bleiben

Die chinesische Regierung hat eine Regel erlassen, die deutsche Medien gerne gleich als „Zensur“ betitelt haben. Demnach werden in Büchern, dem Internet und Zeitungen (die auf Chinesisch verfasst sind) Englische Ausdrücke, Begriffe und Abkürzungen verboten. Eigentlich ein ähnlicher Weg, den auch unser Nachbar Frankreich geht. Auch dort ist der Gebrauch von Fremdsprachen in den Medien streng geregelt. Allerdings müssen sich sowohl Franzosen als auch Chinesen berechtigte Vorwürfe gefallen lassen, dass Ihre Bevölkerungen nur sehr unzureichend Englisch beherrschen. Die neue Regel wird jedenfalls nicht helfen, dies zu ändern.

Auch das Deutsche wird von immer mehr Fremdwörtern geprägt. In erster Linie von Anglizismen, denn diese klingen „cooler“ und moderner (manchmal sind es allerdings auch nur Begriffe, die Englisch klingen, aber im Englischen etwas völlig anderes bedeuten wie „Handy“ oder „Beamer“). Was aber gerne vergessen wird, ist, dass das Deutsche zum einen schon immer von Fremdwörtern lateinischen („maximal“, „Justiz“…), griechischen („Demokratie“, „Philosophie“…), französischen („Rendezvous“…) oder sonstigen („Joghurt“, „Meschugge“) Ursprungs durchzogen war. Das ist für eine Sprache auch normal. Genau so normal ist es, dass sich eine Sprache entwickelt. Versuchen Sie mal einen Deutschen zu verstehen, der vor 500 Jahren gelebt hat!

Versuche, Sprache „rein“ zu halten, sind daher meiner Ansicht nach etwas unnatürliches. Auch die Chinesische Sprache hat sich stark verändert. Die Jugend benutzt heute neue Begriffe, die die Eltern nicht mehr verstehen. Die modernen Erfindungen mussten alle in chinesische Begriffe übertragen werden, die sich mit bereits vorhandenen Schriftzeichen darstellen lassen. Und vor allem: Natürlich enthält auch das Chinesische einiges an Fremdwörtern – auch wenn diese nicht auf Anhieb erkennbar sind, da sie ja in Schriftzeichen dargestellt werden. Dazu gehören viele Speisen, religiöse Begriffe oder auch Namen von Musikinstrumenten.

Um es nicht falsch zu verstehen: Auch ich kann es nicht leiden, wenn man im Deutschen ständig Englische Begriffe benutzt, für die es eine prima deutsche Entsprechung gibt. Warum nicht „Wohlfühl-Wochenende“ statt „Wellness-Weekend“? Warum nicht „Anwendung“ statt „Application“ oder gar „App“? Aber natürlich gibt es einige Begriffe, die sinnvoll sind, weil es eben kein wirklich passendes deutsches Wort gibt. Wie will man denn „Internet“ auf Deutsch sagen? „Länderübergreifendes Verbindungsnetz“?

Chinesen machen das. Das Internet heißt dort offiziell „Guoji hulian wang“: Internationales Verbindungsnetz“. Das ist aber zu lang. Daher verkürzen sie es zu „Guo Wang“: Ländernetz. Oder sogar nur „Wang“: Netz. Ob das nun schön ist, sei mal dahingestellt. Funktionieren tut es.

Wir Deutschen haben den Omnibus – ein Fremdwort lateinischen Ursprungs, das etwa „für alle“ bedeutet. Die Chinesen haben ebenfalls Omnibusse. Sie heißen offiziell „gong gong qiche“: Öffentliche Dampf- bzw Gaswagen. Vermutlich aus Hong Kong stammt aber auch eine Bezeichnung, die man auch in Nordchina gerne mal auf Busspuren findet: „Ba She“. Also eine lautliche Entsprechung des englischen „Bus“. Ich frage mich nun, ob so etwas unter die neue Verbotsregelung fällt – oder diese Regel nur Wörter betrifft, die in lateinischen Buchstaben geschrieben werden. Und was ist eigentlich mit deutschen, russischen oder meinetwegen portugiesischen Begriffen? Dürfen die auch nicht mehr benutzt werden?

PS: meines Wissens werden diese sowieso nicht verwendet, aber es geht ja auch nur ums Prinzip…

Ein Gedanke zu „Das Chinesische soll frei von Englisch bleiben

  1. Ich muss mir noch einmal selbst einen Kommentar schreiben:
    Bei Chinesen scheint die neue Regel durchaus auf Verständnis und Billigung zu treffen. Der Grund ist, dass vor allem ältere Leute mit den Englischen begriffen nichts anfangen können. So berichtete mir zum Beispiel eine Freundin, dass ihre Eltern gefragt hätten, was „friendship“ bedeute. Da frage natürlich auch ich mich, warum mitten in einem chinesischen Text ein solches Wort auf Englisch eingestreut wird. Das macht in der Tat wenig Sinn…
    Ein Freund von Verboten bin ich dennoch nicht. Viel besser fände ich es, wenn Menschen einfach mal selbst über Sinn und Unsinn ihrer Aktionen nachdächten!

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