Chinas Türken – zu Gast bei den Uiguren

Kashgar, heimliche Hauptstadt der Uiguren. Wer vor seiner Chinareise mühsam ein bisschen Chinesisch gelernt hat, kann sein Wissen hier getrost vergessen. Die große Mehrheit der Einwohner sind Uiguren und sprechen daher eine Turksprache. Anders als anderswo sind die Han-Chinesen hier angehalten auch uigurisch zu lernen und zu beherrschen, wenn sie hier leben wollen. Doch wer sich von der Sprachbarriere nicht aufhalten lässt, findet in den Uiguren ein gastfreundliches Volk mit langer Tradition.

Natürlich ist es übertrieben zu behaupten, in Kashgar könne man mit Chinesisch überhaupt nichts anfangen. Aber ältere Uiguren sprechen diese Sprache tatsächlich meist nicht. Erst die jüngere Generation, die die Schule besucht, lernt natürlich auch die Staatssprache. Und mit dieser auch eine zweite Schrift, denn während das Chinesische Schriftzeichen benutzt, schreiben die Uiguren heute mit einer dem persischen Alphabet angelehnten Schrift.

In der Blütezeit des uigurischen Großreiches um 800 nach Christus als das Land nicht nur durch Handel zu Reichtum kam, sondern auch so manchen Gelehrten hervorbrachte, beherrschten die Uiguren ein Gebiet von einer Größe, die dem damaligen China in etwa gleich kam. Und dass, obwohl sie nicht als kriegerisch galten. Obwohl schon im 18. Jahrhundert an das chinesische Reich angegliedert haben die Uiguren ihre kulturelle Tradition zum großen Teil bewahrt. Die muslimische Ethnie ist dabei jedoch nicht übermäßig konservativ. Uigurische Jugendliche in Urumqi sind in Ihren Gewohnheiten kaum von jungen Leuten in Peking oder anderen modernen Städten zu unterscheiden. Locker gebundene Kopftücher sind zwar in den kleineren Städten die Regel und viele Männer tragen kleine verzierte Kappen auf dem Kopf, der hier gelebte Islam scheint sehr weltlich orientiert zu sein.

Aber nicht nur das Aussehen der Menschen (eindeutig zentral- statt ostasiatisch) oder die Sprache und Religion unterscheiden die Uiguren von den Han-Chinesen. Natürlich wird auch anders gegessen. Fladenbrote sind allgegenwärtig und auch Hammel wird gerne gegessen. Mancherorts gilt Kamelfleisch als besondere Spezialität. Wie wohl bei allen türkischen Völkern stehen Süßigkeiten deutlich höher im Kurs als bei den Chinesen. Besonders herausragend ist eine Art Müsli, bei dem die einzelnen Bestandteile aus Nüssen, Rosinen und anderem mit einer honigsüßen Masse verbunden sind. Ein wahrer Plombenzieher, eine Kalorienbombe, unverschämt lecker und vermutlich trotzdem recht gesund.

Die alten Städte und Gebäude der Uiguren haben ebenfalls nichts mit traditioneller chinesischer Architektur gemein. Vielmehr wird der Reisende an 1001-Nacht erinnert. Seien es mit reichen Ornament-Schnitzereien verzierte Holzfassaden, die eng verwinkelten Altstadtgassen oder Minarette in unterschiedlichsten Formen: Die gut 2500 Kilometer Luftlinie nach Peking fühlen sich keinen Zentimeter näher an.

Ein Gedanke zu „Chinas Türken – zu Gast bei den Uiguren

  1. @Timur: Den Einleitungssatz „Wer vor seiner Chinareise mühsam ein bisschen Chinesisch gelernt hat, kann sein Wissen hier getrost vergessen“ finde ich lustig. Das geht mir nämlich auch sonst in China so. Kaum bin ich irgendwo auf dem Land oder auch nur in einer Stadt in der die Leute ihren lokalen Akzent pflegen, verstehe ich nix mehr.

    Kannst Du noch etwas mehr zum uigurischen Alltag schreiben? Hatte leider noch nicht das Glück nach Xinjiang zu reisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.