Augen zu und durch – Straßenverkehr in China

Straßenverkehr in China 2010 – 2018

In unserem Archiv habe ich diesen Artikel von 2010 gefunden. Was hat sich alles in China getan in den letzten Jahren! Es gibt noch mehr Privatwagen, noch mehr Autobahnen, noch mehr Verkehr. Ja, auch das ist chinesische Realität: Auch wenn es mittlerweile unzählige Hochgeschwindigkeitszüge gibt und jede große Stadt mindestens einen modernen Flughafen hat, lässt der Verkehr auf Chinas Straßen nicht nach. Im Gegenteil! Doch lesen Sie zunächst den Artikel von 2010. Am Ende gibt es einen kurzen Blick auf die aktuelle Situation.

Kreuzung in Kunming 2011

Kreuzung in Kunming 2011

Straßenverkehr in China 2010

Lange Zeit war in China das Fahrrad das mit Abstand bedeutendste innerstädtische Verkehrsmittel – zumindest wenn man von der Möglichkeit absieht, dass man auch zu Fuß gehen kann. Fußgänger gibt es indes immer noch in großen Mengen und es wird sie vermutlich auch weiterhin geben, obwohl es für sie allmählich gefährlicher auf Chinas Straßen wird, weil Motorroller, Autos, Busse, Lastwagen und letzten Endes auch Fahrräder nicht besonders viel Rücksicht auf die Gesundheit derjenigen nehmen, die ohne einen fahrbaren Untersatz durch die Städte ziehen. Das Fahrrad, ein gutes noch dazu, war bis vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, das Fortbewegungsmittel, dass sich die Meisten gewünscht haben. Der Film Beijing Bicycle kann davon eine nette Geschichte erzählen. Irgendwann wurden jedoch immer mehr Chinesen wohlhabender und konnten tatsächlich ein Fahrrad ihr eigen nennen.

Verkehr in Chengdu

Verkehr in Chengdu

Hier vielleicht ein kurzer Hinweis dazu, in was für Wohlstandsmaßstäben man in China denken sollte: Ende der 90er Jahre hat ein normaler Angestellter in Beijing zwischen 500 und 2.000 Yuan im Monat verdient. Nach heutigen Kurs etwa 50 bis 200 Euro im Monat. Mittlerweile liegen die Gehälter in einer teuren Stadt wie Beijing mindestens beim Doppelten. Es gibt in China inzwischen natürlich auch sehr wohlhabende und reiche Menschen. Sogar Superreiche, die sich allerlei Extravaganzen, wie Ferraris oder eigene Pferdezuchten erlauben können. Aber für weit über 90 Prozent der Menschen müssen auch heute umgerechnet 100 bis 400 Euro im Monat reichen. Bei Wanderarbeitern oder einfachen Hilfskräften durchaus auch mal weniger. Das ist nicht so viel Geld, als dass man damit große Sprünge machen könnte. Selbst dann nicht, wenn das Leben insgesamt natürlich sehr viel billiger ist als in Deutschland. Die Schulbildung der Kinder ist teuer, eine eigene Wohnung soll angeschafft werden und gelegentlich möchte man sich vielleicht auch  einen schönen Abend mit Freunden in einem Restaurant gönnen. Und doch scheint das Fahrrad irgendwann nicht mehr zu reichen, womit wir wieder beim Thema wären.

Straßenverkehr in China

Der nächste Schritt nach einem Fahrrad ist für die meisten ein Motorroller oder ein kleines Motorrad. Modelle chinesischer Produktion sind sehr günstig, doch setzt man Einkommen und Kaufkraft in Vergleich zu Deutschland, handelt es sich immer noch um ganz beachtliche Beträge. Und doch verpesten Zweitaktmotoren seit geraumer Zeit die Luft der Städte. Was früher vor allem Fahrradparkplätze waren, in denen teilweise Hunderte Drahtesel nebeneinandergepfercht auf ihre Besitzer warteten (wobei ich mich oft genug gefragt habe,  wie die Besitzer ihre Räder wiederfinden und dann auch noch aus dem dicht an dicht stehenden Metallgewirr herausbekommen), befinden sich heute genauso oft Parkplätze für motorisierte Zweiräder.

Doch das Träumen hört nie auf! Nach einem Motorroller sollte es bitteschön schon etwas Größeres sein. Ein Kleinwagen wäre nicht schlecht. Fuhren Ende der 70er Jahre nur einige Tausend PKW durch Beijing, wovon allerdings kein einziger privat zugelassen war, sondern allesamt Behörden oder Firmen gehörten, sind es heute bereits Millionen – die meisten davon privat oder als Taxis unterwegs. Und noch lange hat nicht jeder Chinese ein eigenes Auto. Auch im reichen Beijing oder Shanghai nicht. In kleineren Städten oder gar auf dem Land sind private Autos immer sehr selten. Doch schon jetzt ersticken fast alle Städte an einem Verkehrsinfarkt. Und das,  obwohl in China mit beispielloser Geschwindigkeit immer neue, breitere und besser ausgebaute Straßen entstehen. Alleine mehrere Tausend Autobahnkilometer pro Jahr. Eine Baugeschwindigkeit, mit der China Deutschland um mehr als 1.000 Prozent schlägt.  Manchmal sicherlich zum Preis der Qualität, aber so schlecht sind Chinas neu angelegte Fernstraßen nun auch wieder nicht. Durch Städte wie Guangzhou, Shanghai oder Beijing schlängeln sich Hochstraßen mit teilweise spektakulären Konstruktionen – im Falle Shanghais stehen diese nun auch schon ein gutes Jahrzehnt und sie scheinen gut zu halten.

Wie auch immer: Zu wenige Straßen bzw. zu viele Autos für die vorhandenen Straßen sind oftmals nicht das größte Problem, das Staus verursacht. Vielmehr ist die Fahrweise der Chinesen die Hauptursache. Fahrschulen mit ausgiebigem Theorie- und Praxisunterricht sind Fehlanzeige. Und wenn dann noch eine ganz besonders herausragende Eigenschaft der Chinesen zum Tragen kommt, die da lautet „ich zuerst!“, dann wird es nichts mit dem Reisverschlussprinzip vor einem Nadelöhr. Auf einen Engpass fährt jeder erst einmal möglichst ungebremst zu. Auch wenn es sich dabei um eine fünfspurige  Straße handelt, die sich auf eine einzige Spur verengt. Und dann wird gedrängelt und versucht, sich nach vorne zu quetschen. Von oben betrachtet sieht das dann so aus, als hätte man die Autos von links und rechts einfach mit einem Besen zusammengekehrt. Keine Ordnung = kein Vorwärtskommen = hoher Lärmpegel, weil man ja hupen muss, da die Vorderleute schließlich nicht weiterfahren.An Kreuzungen ist der Verkehrsfluss auch nicht gerade optimal. Zwar halten sich die Autos heute meist an rote Ampeln, aber auch hier gilt die eben angesprochene Regel „ich zuerst!“ Das zeigt sich besonders schön beim Linksabbiegen. Sobald es grün wird, schießt man quer über die Kreuzung nach links rüber, um möglichst noch vor dem geradeaus herannahenden Gegenverkehr in der Mitte der Kreuzung anzukommen und diesem somit den Weg abzuschneiden. Wenn der Erste dies schafft, ziehen alle hinter ihm nach, denn der Gegenverkehr kann ja nun nicht mehr weiter, wenn er nicht mit den Abbiegenden kollidieren will. Die Folge: Stau, weil die Leute wegen der Linksabbieger nicht geradeaus weiterfahren können. Die Abbieger – egal ob nach rechts oder links, egal ob Auto, Laster, Bus, Fahrrad oder Mofa – nehmen dabei fast keine Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer. Der Schwächere muss sehen, wo er bleibt. Erst wenn ein Zusammenstoß wirklich nicht mehr durch einen Schlenker in irgendeine Lücke verhindert werden kann, wird gebremst und notfalls der Kleinere durchgelassen.

In Verbindung mit Fahrzeugen in katastrophalem technischem Zustand, nicht vorhandener Kenntnis möglicher Gefahren und falscher Einschätzung von Risikosituationen, mangelnder Schutzkleidung bei Zweiradfahrern, dem konsequenten Ignorieren von  Sicherheitsgurten, zahlreichen Geisterfahrern oder Bauern, die auf Fernstraßen Getreide zum Trocknen ausbreiten, führt alles zusammen zu einem der gefährlichsten Straßenverkehre der Welt. Schon seit einiger Zeit sterben in China ein vielfaches mehr an Menschen im Straßenverkehr als in Deutschland. Und das schon zu Zeiten, in denen es im kleinen Deutschland immer noch mehr Fahrzeuge gab, als auf allen chinesischen Straßen zusammen. In vielen Gegenden ist der Verkehrstod mittlerweile die Todesursache Nummer Eins bei Schulkindern. Einem Chinareisenden bleiben für längere Strecken glücklicherweise auch Alternativen zum Straßenverkehr: Die Bahn und das Flugzeug. Doch dazu irgendwann an anderer Stelle mehr! Zudem sei als Abschluss etwas  entschärfend angemerkt, dass ich persönlich niemanden kenne, der einmal in China einen ernst zu nehmenden Verkehrsunfall gehabt  hat. Möge es auch so bleiben… (Timur 2010)

Update 2018:

Der Straßenverkehr in China hat sich weiter entwickelt. Man strebt neue Rekorde für Elektro-Fahrzeuge an. Motorräder dürfen in den Großstädten nur mit Elektroantrieb fahren. Zum Leidwesen aller Harley-Fans, von denen es auch in China eine Menge gibt. Auch Elektro-Fahrräder sind sehr populär. Nur mit den Autos entwickelt sich das erst sehr langsam. Denn so ein schöne großes SUV ist ein Statuts-Symbol und geht als E-Auto gar nicht. Doch in den schmalen Straßen der Hauptstadt Peking  werden kleine flotte Autos mit Elektrromotor immer beliebter.

E-Auto am Ladekabel in Peking

E-Auto am Ladekabel in Peking

Auch in Punkto Verkehrsregelung tut sich einiges. Überall gibt es Aufklärungskampagnen und Schulungen. Natürlich dürfen auch die vielen Verkehrspoli8zisten an den großen Kreuzungen nicht fehlen!

Verkehrsschulung in Chengdu 2013

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.