Anderthalb Jahrzehnte und ein kleine Ewigkeit

Als ich vorhin mein Bild-Archiv durchging, stieß ich auch auf gescannte Fotos, die ich auf meinen ersten Rucksackreisen in China gemacht hattet. Knapp anderthalb Jahrzehnte sind seither vergangen. Wenige Jahre, die dem Reich der Mitte aber unglaublich viele Veränderungen in kleinen Details eingebracht haben. Vorbei zum Beispiel die Zeiten, in denen man selbst in der Hauptstadt noch mit den winzigen „Miandi“ Taxis fahren konnte. Miandi lässt sich mit „Brötchen“ übersetzen und gemeint waren gelbe Micro-Vans bei denen die Fahrt das pure Abenteuer sein konnte. Zu dieser Zeit waren die „Tianjin Xiali“ Taxis (Lizenzbauten des Daihatsu Charade) geradezu die Ausgeburt des Luxus.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich westliche Studenten, die in Kleinstädten gelandet waren, sensationelle Informationen wie diese hier zukommen ließen: „Hey, in dem kleinen Supermarkt gibt es echten Orangensaft“. Heute natürlich selbstverständlich. Selbst der hartnäckigste Verweigerer einheimischer Nahrung kann sich weitgehend wie in Europa ernähren.

Ich selbst habe diese Zeit nur hauchdünn verpasst, aber bis Mitte der 90er war es in China auch üblich, dass Ausländer und Einheimische bei Sehenswürdigkeiten, Bahnfahrkarten etc. verschiedene Preise zu zahlen hatten. Heute zahlen alle das Gleiche. Für Ausländer tendenziell besser, für Chinesen eher schlechter, weil die Eintrittspreise seitdem generell extrem angehoben wurden.

Ende der 90er waren riesige Fahrrad-Schwärme an den Ampeln das normale Bild. Private Autos hingegen praktisch nicht existent. Heute tritt in Städten kaum noch jemand in die Pedale. Wer kein Auto hat oder mit nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, nimmt Motorroller oder immer öfter auch Elektro-Fahrräder.

Einst war es schwierig, genug Devisen mit auf Chinareisen zu nehmen. Zu viel Bargeld war riskant und Reise-Schecks kompliziert. Zudem wurden diese nur an wenigen Stellen akzeptiert und umgetauscht. Heute heißt es: EC-Karte oder Kreditkarte rein in den Automaten und schon spuckt der Kasten fröhlich Scheinchen mit dem Mao-Portrait aus. Übrigens: 1998 sah das Geld noch anders aus und der „Große Steuermann“ war noch nicht auf jeder Banknote abgebildet. Eigentlich auch schade, dass es die 1-Fen-Scheine nicht mehr gibt. Also Geldscheine im Wert von einem Hunderdstel Yuan. Diese waren wirklich extrem winzig und passten eher in einen Krämerladen für Kinder als in die reale Welt. Die Einheit „Fen“ wurde von der Inflation de facto eliminiert, so dass heute „Jiao“ bzw. „Groschen“ (10 Pfennig) der niedrigste erhältliche Münzwert ist.

Auch die Hotels haben sich gewandelt. Nicht nur im Bereich der Zimmer-Ausstattung. Vielmehr funktionieren Hotels heute weitgehend so wie auch im Rest der Welt: Einchecken, Schlüssel bekommen und aufs Zimmer gehen. Früher gab es meist noch den Zwischenschritt der „Etagen-Dienste“. Auf jeder Etage gab es mehr oder weniger freundliche Bedienstete, die dafür sorgten, dass man in sein Zimmer kam.

Das war vermutlich eine ähnliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wie diese: In der Pekinger U-Bahn kaufte man damals seine Fahrkarte an einem Schalter gegenüber der Treppe zum Bahnsteig. Direkt an der Treppe zum Bahnsteig wurde die Fahrkarte dann wieder von einem Mitarbeiter eingesammelt und man durfte hinuntergehen. Einziger Sinn dieses Systems kann es gewesen sein, möglichst viele Leute in Arbeit zu halten.

China ist heute viel „praktischer“ als früher. Aber um ehrlich zu sein, hatte das Reich der Mitte früher irgendwie mehr Charme…

Ein Gedanke zu „Anderthalb Jahrzehnte und ein kleine Ewigkeit

  1. Ein sehr, sehr interessanter Artikel. Da ich auch seit 12 Jahren nach China reise, kann ich die beobachteten Entwicklungen bestätigen. Schwierig finde ich die Beurteilung der Entwicklungen dieses Landes:

    Wie Du schon richtig gesagt hast, hatte das Reich der Mitte früher mehr Charme. China war einfach China und unvergleichbar mit anderen Ländern. Der Urlaub im Land war immer mit reichtlich Abenteuer und Improvisionskunst verbunden. Man konnte den Urlaub kaum richtig planen, da immer neue kleine Herausforderungen den Alltag bereicherten.

    Heute wirkt China fast schon europäisch. Der Tag kann perfekt durchplant werden und das Abtauchen in eine völlig fremde Kultur ist nicht mehr so krass wie früher.

    Für China ist diese Entwicklung sicherlich positiv, für uns Touristen geht leider etwas Anziehendes verloren.

    Vielen Dank für den tollen Zeitraffer!
    Gabi

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