Pingyao – Kaiserliches China ganz nahe

Viele Städte in China haben noch bis in die 1950er Jahre eine mächtige Stadtmauer gehabt. Auch in Peking kann man noch Reste davon bewundern, z.B. in der Nähe des Südbahnhofs. Xi’ans 14 Kilometer lange, gut erhaltene Stadtmauer ist weltberühmt. Doch die Städte selbst haben ihren eigentümlichen Charakter verloren. Wie sah eine kaiserzeitliche chinesische Stadt aus? Wie lebten die Menschen?

Altstadt von Pingyao

Das kann man wunderbar in Pingyao erleben und erwandern. Pingyao bietet dem Besucher ein fast noch originales Bild eines chinesischen Städtchens aus dem 19. Jahrhundert. Bis ungefähr vor 150 Jahren kam Pingyao eine bedeutende Stelle im Reich der Mitte zu. Hier, an der Kreuzung alter Handelswege, lebten wohlhabende Banker, hier wurde Papiergeld gedruckt und in alle Ecken des Riesenreiches verschickt. Pingyao war sozusagen die Finanzhauptstadt des Kaiserreichs. Irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich dann der Handel und auch die Hochfinanz an die Küsten, Beispiel Shanghai. Damit wanderten die Banker nach und nach ab, behielten aber ihre alten Häuser, und Pingyao fiel in eine Art Dornröschenschlaf.

Kaum einer kümmerte sich um die in Bedeutungslosigkeit versunkene Kleinstadt, nicht einmal die Kulturrevolution. Bis Ende der 1980er Jahre ein pfiffiger Bürgermeister das touristische Potential der alten Stadtmauer und der kaiserzeitlichen Häuser und Tempel entdeckte. 1988 kam die beeindruckende Stadtmauer auf die Liste der Denkmäler der VR China und seit 1997 ist die Stadt UNESCO-Weltkulturerbe.

Wenn der Besucher die Stadt durch das Fengyi-Tor, das dem Bahnhof am nächsten liegt, betritt, taucht er tief ein in das kaiserliche China. Die Westost-Straße ist gesäumt von alten Häusern. Doch das quirlige Zentrum war und ist die Nordsüdstraße (oder Qingmingstraße). Hier liegen die alten Bankhäuser, zahlreiche Hostels, in alten Wohnhöfen, und viele viele Geschäfte. Wenn die Menschen nicht moderne Kleidung tragen würden, könnte man glauben, die Zeit sei um 100 Jahre zurück gedreht worden.

Viele der alten Bankhäuser sind heute Museen und repräsentieren den Stil wohlhabenden Wohnens. Es lohnt sich, diese Wohnhöfe zu erkunden. Sie sind nach einem einheitlichen Plan gebaut: Vorne die Empfangs- und Geschäftsräume, hinten  die große Halle des Hausherrn. Im ersten Stock und in den hinteren Höfen wohnten die Frauen des Hauses. Dahinter gab es weitere Räume und Höfe. So kann man in einem Wohnhof wunderbar gedrehte Säulen beobachten, im nächsten hat der Gott des Reichtums seine Halle und in einem Büro gibt es das übliche Opium-Besteck zu sehen, mit dem der Hausherr seine Gäste bewirtete. In tiefen Kellergruben wurde das Geld, in Form von Silber- und Goldbarren, aufbewahrt.

Des Gott des Wohlstands im ersten Hof eines Bankers

Wichtig war natürlich auch der Transport des Geldes, für das sich eigene Sicherheitsfirmen bildeten. In den entsprechenden Häusern kann man die Transportkisten sehen, aber auch die Übungsanlagen, in denen die Wachmänner ihre Kräfte und die hohe Kunst des Kämpfens mit Speren übten. Natürlich kann man auch selbst mal ausprobieren, ob man eine der schweren Eisenkugeln heben kann.

Wem diese Hauptstraßen zu trubelig sind, der kann sich in einer der engen Gassen verlieren und in weitere Hofhäuser hineinschauen. Pingyao ist zwar eine alte, unter Denkmalschutz stehende Stadt, aber bei weitem kein menschenleeres Freilichtmuseum. Die Häuser sind bewohnt und die alten beheizbaren Betten, Kang, werden noch heute von ihren Bewohnern benutzt. Manch ein Hausherr zeigt gerne seine Wohnräume gegen einen kleinen Obulus. Im Südosten der Stadt findet man die ältesten Häuser von Pingyao, die teilweise aus der Yuan-Dynastie (1279 – 1368) stammen sollen. Das kann man auch leicht erkennen an den dicken Mauern und den schlichten runden Fenstern und Torbögen.

Zu einer kaiserlichen Stadt gehören natürlich auch diverse Tempel. Im Tempel des Stadtgottes kann man mit ein wenig Glück eine alte Zeremonie beobachten, in den Gassen davor wird Gemüse und Obst auf einem kleinen Markt angeboten. In der Umgebung von Pingyao gibt es bedeutende buddhistische Tempel zu sehen, z.B. den Shuanglin-Tempel mit seinen bunten, lebhaft gestalteten Statuen. Der Tempel kann auch eine Geschichte von mehr als 1500 Jahren zurückblicken.

Zum Abschluss sollte man sich einen Rundgang auf der Stadtmauer vornehmen. Man muss ja nicht gleich die ganzen 6 Kilometer laufen. Man sagt, dass die Stadtmauer die Form einer Schildkröte hat, ein Symbol für langes Leben, das für die Sicherheit von Pingyao sorgte. Aus 12 Meter Höhe hat man einen beeindruckenden Blick über die grauen Dächer der alten Häuser.

Pingyaos gut erhaltene Stadtmauer ist 6 Kilometer lang und 12 Meter hoch

5 Gedanken zu „Pingyao – Kaiserliches China ganz nahe

  1. Pingback: Provinz Shanxi

  2. Ich war ja schon ziemlich überall Europa, Afrika, Nordamerika, aber nach China bin ich noch nie gekommen! Deswegen verfolge ich so gerne euren Blog und träume von meiner ersten Reise in das Reich der Mitte! Hoffentlich schaffe ich es bald! Bis dahin bin ich auf eure berichte angewiesen! Macht weiter so!

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